2007 … war was? Teil 1: Tops

Veröffentlicht in Musik, Poll 2007 - Teil 1: Tops Mit Tags, , , , , , , , , , , , , , , , bei Dezember 30, 2007 von messitschbyburns

Eine Auswahl höchst vergnüglicher Musik des Jahrgangs 2007. Natürlich subjektiv und parteiisch.

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Praliné des Jahres:
M.I.A.: Paper Plains (Kala, XL Rec., 2007)

Die CD “Kala” von M.I.A. erfuhr eine eigentümliche Rezeptionsgeschichte im deutschen Feuilleton. Kaum ein Blatt verzichtete auf mehrspaltige Laudationes, vergaß aber nicht, den Zeigefinger mahnend in Richtung ihres Papas Arul Pragasam zu heben, einem Aktivisten der “Liberation Tigers of Tamil Eelam” in Sri Lanka. Mitglied der “Tigers of Tamil” zu sein, ist von Papa sehr ungehörig! Denn wie jeder Deutsche weiß, besteht der politische Kampf im Zettelfalten aller vier Jahre. Mehr Kampf ist böse, und bewaffneter Kampf ist böse-böse.

Auf der anderen Seite wurde M.I.A. in der hiesigen Presse als multikulturelle Botschafterin geadelt. Geboren in London, aufgewachsen in Sri Lanka und London, ihre Songs als Weltreisende in diversen Ländern eingespielt, bot sie sich als Ethno-Queen geradezu an. Außerdem gibt das 10 Gemütspunkte für die immer noch alternativ angehauchte Seele des Feuilleton-Redakteurs.

“Kala” ist jeden Cent wert. Nicht die ganz große Erregung, aber auch kein Reinfall. Man muß die CD selbstverständlich laut hören (wie jede gute Musik) und kann sich bei grimmigem Hip-Hop, hartem Electro, kernigem Agit-Prop und zuckersüßen Bollywood-Samples wunderbar amüsieren.

Ganz besonders laut sollte man den Song “Paper Planes” hören. Darin sampelt M.I.A. u.a. MG-Geräusche: Laden, Feuern, Laden, Feuern … Eine simple Idee, die ihre grandiose Wirkung um so besser entfaltet, je weiter der Lautstärkeregler aufgedreht wird. Die Militanz der Musik von M.I.A. wird hier effektiv auf den Punkt gebracht. Da bleiben keine Fragen offen.

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Spaßvögel des Jahres:
Gov’t Mule: Mighty High (ATO Rec., 2007)

Gov’t Mule pflügen seit Jahren ihre eigene Spur. Angeführt von Warren Haynes, stampfen die Erben der Allman Brothers seit 1995 durch die Welt, unbeirrt von Moden und Trends. Gov’t Mule = Blues + Cream + ausufernde Improvisationen, dokumentiert auf Doppel- und Dreifach-CDs voller Live-Musik.

Einen Bestandteil ihres Sounds bildete schon immer der Reggae. Nicht der wichtigste, aber in einigen Titeln unüberhörbar. Einem gemütlichen jamming und dubbing war Warren Haynes nie abgeneigt. Jetzt füllte er damit eine komplette CD — als Dub-Reprise der Gov’t Mule-Produktion “High & Mighty”, 2006 erschienen.

Ihr “High & Mighty”-Song “Unring the Bell” erscheint auf “Mighty High” gleich in vier Versionen. Auch “Like Flies” und “So Weak, So Strong” tauchen als Dub-Cover auf; ebenso die Klassiker “I’m a Ram” von Al Green, “The Shape I’m In” von The Band und “Play With Fire” von den Stones.

Kein Mensch braucht diese CD. Und genau deshalb sollte man sie kaufen. Einfach so, aus Spaß.

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Fräuleinwunder des Jahres:
Hanne Hukkelberg: Rykestrasse 68 (Propeller Rec., 2007)

Eine Schreibmaschine, ein Topfdeckel, eine leere Flasche — mehr braucht Hanne Hukkelberg nicht. Wo ein Geräusch ist, hält sie ihr Mikro hin. Die Tiere des Waldes und der Wohnung, der Lärm der Straße, eine schnurrende Katze, eine quietschende Schublade oder eine klappende Tür sind die Kulissen, in denen sie ihre ganz private musikalische Welt ausbreitet.

Dabei entsteht kein L’art pour l’art, sondern ein kleines Wunder zwischen Folklore, Barjazz und Kinderliedern, mal minimalistisch verknappt, mal avantgardistisch angehaucht oder ganz einfach spinnert. Sobald der Player läuft, entfaltet das kleine Wunder seine zarten Schmetterlingsflügel, grient dich an und flattert leise summend durch die Wohnung.

Die Norwegerin Hukkelberg, die einige Monate in Berlin lebte und ihre Berliner Adresse im Namen der CD verewigte, berührt den Hörer sanft mit ihrer jazzig verträumten Stimme. Man lächelt, singt “Break my body, hold my bones, hold my bones”, füllt das Whiskyglas, tritt ans Fenster, schaut in den Himmel zwischen Nachtradio und Morgendämmerung und denkt: “Alles wird gut.”

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Schwanengesang des Jahres:
Seeed (26.08.2007, Berlin, Wuhlheide)

Ein Sonntag im August. 17.000 tobende, tanzende Menschen. Letztes Konzert von Seeed vor einer 18monatigen Pause. Die Freilichtbühne in der Wuhlheide ist an diesem wie an den beiden vorherigen Tagen ausverkauft. Bombenstimmung und Party ohne Ende; das Berliner Publikum amüsiert sich wie Bolle. Das ist Seeed, und das ist ihr Gebiet.

Die Band funktioniert perfekt. Sie spült Hit auf Hit von der Bühne. Im Publikum bleibt niemand kalt. Standing Ovations von der ersten Minute an. Hüpfen auf den Bänken, in den Gängen und über die Treppen. Hüpfen zum Bierstand und wieder zurück. Die Mädchen hinter dem Tresen wippen lachend im Takt. Selbst die Ordner lächeln und schwingen verstohlen ihre Arme.

Alle sind glücklich. Man tänzelt nach dem Konzert zur S-Bahn und träumt während der Heimfahrt im schaukelnden Takt der Waggons von Dance Hall und Reggae.

Aber: Es war das letzte Mal.

Seeed können nicht weitermachen wie bisher. Trittbrettfahrer haben sich längst am Dance-Hall-Zug festgekrallt und kassieren den Lohn für Seeeds Kärrnerarbeit. Und der Lebenszyklus von Seeeds Riddims ist begrenzt. Nichts währt ewig, erst recht nicht intelligente Gute-Laune-Musik in Deutschland.

Während des Konzerts konnte man kurze Momente der Irritationen erleben. Ein leicht erschrockenes Aufflackern im Publikum, wenn Seeed keinen hitparadenerprobten Dance-Hall-Brecher, sondern unbekannteres Material spielten. Sicher, mit ihrer überragenden Professionalität packte die Band das Publikum blitzschnell am Schlaffitchen und ließ keine Atempause zu.

Aber die Vorboten dessen, was passieren könnte, wenn Seeed ihren Sound weiterentwickeln, waren unübersehbar. Ebenso die Erschöpfung und der Stillstand nach der gigantischen Woge des Erfolgs. 2009 mit “Dickes B (Part 2)” anzutreten ist kaum denkbar.

Wie auch immer die Entscheidung ausfallen mag: Die Nacht des 26. August 2007 war der Abschied von Seeed, wie wir sie kennen und lieben. Eine große Band, deren Mitglieder als Straßenmusiker begannen, feierte große Triumphe — nicht des Marketings, sondern der Musik wegen. Thank you, Seeed.

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Rotzlöffel des Jahres:
The Strange Death Of Liberal England: Forward March! (Fantastic Plastic Rec., 2007)

Man könnte zur Band mit dem Bandwurmnamen sagen: Ha! Ihr klingt wie! Nämlich wie Arcade Fire, Godspeed You! Black Emperor und A Silver Mt. Zion! Allein, es fehlt das epigonenhafte Bemühen, einem Vorbild nachzueifern. Eher hat man den Eindruck, eine Rasselbande pubertärer Lausejungen stürmt ins Studio, stöpselt irgendwelche Instrumente ein und schmettert drauflos. Das sie dabei klingen wie …, das ist wohl Schicksal.

Der mit hoher Stimme vorgetragene, dramatisch klagende Gesang und die epischen Mini-Dramen sind keine neue Erfindung (das waren sie auch bei Arcade Fire, GYBE und ASMZ nicht), aber sei’s drum. Hier macht Musik einfach Spaß. Und wenn dieses verdammt kurze Werk ihre erste und letzte CD sollte, dann haben sie immerhin ihren Fußabdruck in der Popgeschichte hinterlassen. Zwar ein kleiner Abdruck, aber ein lustiger.

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Glücksmoment des Jahres:
ISIS (13.06.2007, Berlin, Postbahnhof)

Konzerte sind nicht immer befriedigend. Der Beginn richtet sich eher nach der Konstellation des Mondes zur Sonne als nach der angekündigten Uhrzeit; Sound und Licht scheinen immer öfter in der Hand frohgemuter Praktikanten zu liegen, und vor dem erhofften Ereignis muß sich der Besucher durch albtraumhafte Vorbands quälen, deren Anwesenheit auf dem Ticket listig verschwiegen wurde.

Wie groß ist aber die Freude, wenn die Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern radikal übertroffen wurden!

ISIS live: Das konnte eigentlich nur in die Hose gehen. Wie soll das Soundgewitter, bei dem die heimischen Boxen beglückt um Fassung ringen, in einer gruftähnlichen Location wie dem Berliner Postbahnhof funktionieren (der ja tatsächlich nie etwas anderes war als ein Postbahnhof, ergo eine Betonhalle für Briefsäcke, Pakete und die Abobündel der “Messitsch” — mit entsprechend optimierter Null-Akustik)?

Doch es funktionierte. UND WIE! Gitarrenflächen schichteten sich auf Gitarrenflächen, dick und fett und mächtig wie auf CD. Ach was, besser als auf CD!

So selten man das sagen kann, hier ist es keine Übertreibung: ISIS live stellten ISIS im Studio in den Schatten. Der Druck, den die Band auf der Bühne entfesselte, packte noch den letzten Magen in der letzten Reihe. Die Ohren wußten nicht, wohin sie sich zuerst orientieren sollten, um kein Fitzelchen zu verpassen. Vor allem die Stücke der beseelten CD “Oceanic” baute ISIS zu wahren Soundmonstern auf.

Als stünde eine Armada beherzter Gitarristen auf der Bühne, deren Instrumente traumwandlerisch das Wasser schwingen lassen: Zuerst als nettes Ambient-Geplätscher, dann höhere Wellen schlagend, schließlich Woge um Woge zu Brechern auftürmend und am Ende einen alles verschlingenden Tsunami über das Publikum jagend. Bei alle dem versanken die Musiker wie in Trance. Es schien, als wüßten sie nicht, wo sie sind und wer sie sind. Nur der Moment zählte noch, der ihre unerhörte Musik schuf.

Wie, um Himmels Willen, klingt diese Band in einer richtigen Konzerthalle, mit eingemessener Akustik und ausgefeiltem Soundsystem? Würde man es überleben?

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Side Project des Jahres:
Tomahawk: Anonymous (IPECAC Rec., 2007)

Mike Patton kann im Grunde genommen machen, was er will. Dieser mit einer der unglaublichsten Stimmen der Rockgeschichte gesegnete Mann singt, spielt, tourt und produziert in einer Quantität, Qualität und Perfektion, die ihresgleichen sucht. Und er ist immer, wirklich immer, für eine Überraschung gut.

Mit Tomahawk, einem seiner Side Projects, griff Patton für deren dritte CD (nach “Tomahawk”, 2001, und “Mit Gas”, 2003) tief in den amerikanischen Kulturbeutel. Nicht Blues oder Country, sondern viel tiefer: Indianische Volksmusik. Über 100 Jahre alt und bisher noch nie aufgenommen. Die Vorlagen stammten aus Büchern, in denen die indianischen Traditionals unbekannter Urheberschaft (daher “Anonymous”) von Volkskundlern transkribiert wurden — vor sehr langer Zeit, um dann vergessen zu werden.

Mike Patton (voc, keyb), Duane Denison (g, b) und John Stainer (dr, perc) gruben die Transkriptionen aus, arrangierten sie und spielten sie ein. Natürlich nach Art des Hauses “Tomahawk”. 13 kurze Stücke; wuchtige Tribals und narkotische Tänze; eigenwillig gesungen und exzellent produziert, wie von Mike Patton gewohnt. Für Patton-Puristen vermutlich zu viel folkloristischer Pop; für Freunde der guten Musik jedoch ein Ohrenschmaus.

Und wer Mike Patton seit Faith No More nie wieder gehört hat, kann sich hier an den Mann mit den unkaputtbaren Stimmbändern herantasten, ohne rückwärts vom Stuhl zu fallen. Muß ja nicht gleich “Pranzo Oltranzista” sein.

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Selbstmord-Soundtrack des Jahres:
Soulsavers: It’s not how far you fall, it’s the way you land (V2 Rec., 2007)

Mark Lanegan singt. Der perfekte Sound zum Selbstmord. Wer romantisch sterben möchte, programmiere seinen Player zur mentalen Einstimmung auf “Kingdoms of Rain”. Beim Neil-Young-Cover “Trough my Sails” gleitet das Messer wie von selbst durch die Pulsadern. Zum Ausbluten bietet sich “Spiritual” an; auf der Reise durch den Tunnel zum Licht “Revival”, nach der Wiederbelebung im Hospital “No Expectations”.

Eine CD mit größerer emotionaler Wirkung ist schwer vorstellbar. Mark Lanegan und Soulsavers (u.a. mit Will Oldham) ziehen den Hörer in einen tiefschwarzen, bleiernen Strudel. Man fällt und fällt und fällt … sacht taumelnd, die süße Schwere des letzten Weges genießend. Ein süchtigmachender Rausch. Wäre es möglich, täglich zu sterben, dann bitte zu dieser außerirdisch anmutenden, unwirklich schönen Musik.

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Monsterjoint des Jahres:
Minsk: The Ritual Fires of Abandonment (Relapse Rec., 2007)

Ein herrlich dickes Psychedelic-Doom-Brett. Sechs voluminöse Titel, drei davon zwischen 13 und 15 Minuten. Pumpendes Schlagzeug. Schwere Gitarren. Episches Keyboard. Grollender Gesang. Neurosis meets Pelican. Wundervoll. Mehr davon.

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Dampframme des Jahres:
High On Fire: Death is this Communion (Relapse Rec., 2007)

High On Fire sind das dicke Ende der fabelhaften, viel zu früh im Drogendunst verrauchten Sleep (das dünne Ende teilen sich The Sabians und OM). Nach dem Sleep-Kollaps gründete Gitarrist Matt Pike 1999 das Trio High On Fire, übernahm noch den Gesangspart und beglückte fortan die Welt mit CDs, deren Qualität sich in immer schwindelndere Höhen schraubte.

Der Gott des Kehlkopfes glaubte, es wäre eine gute Idee, Matt Pikes Stimme wie die von Lemmy Kilmister klingen zu lassen. Danke, Gott. Es war eine gute Idee. Viel höher ist aber das Glück zu preisen, daß sich mit Matt Pike, Des Kensel (dr) und Jeff Matz (b, als Ersatz für Joe “Melvins” Preston) drei Typen gefunden haben, die Songs allererster Güte zu schreiben in der Lage sind.

Das Feuerwerk auf ihrer vorherigen CD “Blessed Black Wings” war atemberaubend — aber “Death is this Communion” knüppelt, hämmert und walzt unter den goldenen Hand des Produzenten Jack Endino alles nieder, was in der Nähe der Lautsprecher hockt. Play loud! Play louder!

Des Kensel sollte jeden Monat einen Orden überreicht bekommen: “Für die Wiederentdeckung der Trommelstöcke”. Wie ein Berserker rollt und donnert er über sein Schlagwerk. Weiter, immer weiter. Ohne Pause, dafür mit kleinen und größeren Soli. Richtig gelesen: Schlagzeugsolo im Jahr 2007, und es wird nicht langweilig. Man glaubt es kaum.

Matt Pike spielt seine Gitarre scharf, hart, akzentuiert. Ob er als guter oder weniger guter Gitarrist betrachtet werden soll, ist eine akademische Debatte. Pike spielt, wie eine Metal-Gitarre gespielt werden muß: Direkt und schnörkellos, auf das die Herzen aufgehen und die Trommelfelle vibrieren. Er röhrt sich mit jedem Song ein Stück näher an Lemmys Thron.

An dem Tag, an dem Motörhead die Instrumente abgeben, stehen High On Fire bereit. Einen würdigeren neuen König gibt es nicht.

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Apokalypse des Jahres:
Neurosis: Given to the Rising (Neurot Rec., 2007)

Oft kopiert, nie erreicht: Wenn Neurosis aus ihren göttlichen Quellen schöpfen, lechzen tausend andere Bands nach den wenigen Tropfen, die über den Rand Walhalls auf die Erde plingen. Doch können sie lechzen und dürsten, bis ihnen die Zungen zerbröseln: Neurosis sind eine Klasse für sich. Die Feinde der Sonne kreisen in ihrem eigenen, düsteren Zeitalter. Hoch über Nebeln und Wolken thronen sie, auf einem granitenen Plateau, über sich nur den fahlen Mond, und schlagen mit glühenden Hämmern Song für Song aus dem schwarzen Fels.

Und sie werden immer besser. Was anderswo als Platitüde für schwachbrüstige Vorgänger-CDs herhalten muß, ist hier die Beschreibung eines unglaublichen Vorgangs. Mehr noch: Mit jeder CD entschwinden Neurosis ein Stück weiter aus dem Blickfeld der Normalsterblichen. Sie beherrschen daß Spiel der Gegensätze wie keine zweite Band. Sie lullen den Hörer mit süßesten Klängen ein — um ihm dann erbarmungslos den Schädel zu spalten.

Die Wucht, mit der Neurosis den Hörer auf den Boden drücken, ihm Zentner für Zentner auf die Schultern stapeln, bis er in die Knie sinkt, langsam auf den Rücken rollt, sich schließlich ergibt und glückstrunken abklopft, ist atemberaubend. Nahtlos kombinieren sie die elektronischen Collagen ihres Side Projects Tribes Of Neurot mit dem grollenden Donner von Neurosis. Die schleppend geschlagene Trommel dröhnt und hallt. Die Gitarren marschieren und marschieren, unaufhaltsam angetrieben vom tiefen, heißeren Gesang — vorwärts! vorwärts! In “Nine” und “Water is not enough” bohren sich Sirenen mit geschliffenen, gläsernen Stimmen in das Hirn. Vermutlich ersetzen Neurosis jedes SM-Studio. Man muß sie nur laut genug hören. Laut!

In “Origin” treiben sie den Exzess auf die Spitze. Satte neun Minuten fließen federleichte Keyboardflächen, zuckersüße Gitarren und eine leise gesungene Stimme durch den Raum, dezent von einer monoton geschlagenen Trommel begleitet. Doch kurz vorm Dahindämmern, unerwartet und urplötzlich, bricht es aus Neurosis heraus: Eine Hymne der Gewalt. Ein Angriff auf alle Sinne. Wie ein Defilibrator, der einen heißen Impuls durch das Herz jagt.

Wer gern im Mittelpunkt steht, sollte sich das erbarmungslos verröchelnd gebrüllte “To the Wind” im gleichnamigen Song als Klingelton auf sein Handy laden. Einen markerschütternderen Schrei findet man kaum. Vorher aber bitte auf zufällig anwesende Omas achten. Oder ihnen wenigstens einen Platz anbieten, damit sie nicht umfallen.

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Monument des Jahres:
Neil Young: Chrome Dreams II (Reprise Rec., 2007)

Der mittlerweile 67jährige Neil Young ist ein Denkmal seiner selbst. Die Fans würden ihn auch dann noch feiern, wenn er nur Gedichte rezitierte oder mit den Fingern auf dem Tisch trommelte. Macht er aber nicht.

Statt dessen geht er mit Ralph Molina, Rick Rosas und Ben Keith sowie den Background-Damen Nancy Hall, Annie Stocking und seiner Frau Pegi Young ins Studio, um zehn famose Songs aufzunehmen. Ein Club gestandener Damen und Herren. Man kennt sich, man mag sich, man versteht sich. So entstehen altersweise Werke.

“Chrome Dreams II” ist mitnichten eine Sensation, aber vom 43. Album (vielleicht auch 45. oder 50., je nach Zählweise) ein Wunder zu erwarten, wäre mehr als vermessen. Neil Young singt mit seiner hellen, knabenhaften Stimme immer noch wie ein junger Spund, und er erzählt seine Storys immer noch mit Verve und Esprit. Er spielt sich locker durch 18 Minuten und 13 Sekunden “Ordinary People” und läßt sich dabei so paßgenau von Bläsern begleiten, als hätte er sein ganzes Leben lang nur mit Bläsern gearbeitet. Er schenkt uns luftige Mini-Songs mit dem gleichem Knistern und Funkeln, mit dem er das 14minütige “No Hidden Path” zelebriert. Neil Young liebt seine Gitarren, und seine Gitarren lieben ihn. Was will man mehr?

Großer, guter alter Mann. Mach einfach weiter. Immer weiter.

2007 … war was? Teil 2: Flops

Veröffentlicht in Musik, Poll 2007 - Teil 2: Flops Mit Tags, , , , , , , bei Dezember 29, 2007 von messitschbyburns

Lachnummer des Jahres:
Daddy Cool am Ostbahnhof

Frank Farian klotzte in Berlin für angeblich 12-14 Millionen Euro den “Boney-M.-Theaterpalast” neben den Ostbahnhof: 70 Meter Durchmesser, 58 Meter breite Eingangsfassade, Platz für 45 Künstler und 2058 Zuschauer. Drumherum ein Disco-Zelt, ein Restaurant-Zelt und ein Empfangs-Zelt. Größer, bunter, schriller, teurer. Farian eben.

Vom 26. April an wollte Farian mit einem spektakulären Musical über Boney-M. beeindrucken. Getreu dem Motto: Was ABBA kann, kann Farian schon lange. O-Ton Farian: “(Die Investoren) kriegen ihr Geld auf jeden Fall zurück. Zinslos. Bei Erfolg gibt’s 400 Prozent Rendite.”

Am 24. Juni fiel der letzte Vorhang. Frank Farian bedankte sich kleinlaut “bei ca. 60.000 begeisterten Zuschauern.” Das heißt, bei ca. 1.000 Zuschauern je Tag. Macht eine Auslastung von 50 Prozent. Adieu, Rendite.

Schuld ist angeblich die Berliner Umweltbehörde. Ab 22:00 Uhr mußte Farian die Lautstärke drosseln. Das ist simpelster Lärmschutz in Wohngebieten. Kennt jeder Konzertgänger und Veranstalter — nur der Weltmann Farian nicht. Dabei ist Boney M. ohne zugedröhnte Ohren wie ein Kaiser ohne Kleider: Plötzlich hört man den ganz ordinären Plastikschrott hinter all dem Remmidemmi. Für bis zu 87,00 Euro je Ticket.

Am 22. April durfte Farian noch mit den Worten zitiert werden: “In Berlin fühle er sich ’sehr willkommen’.” Vor Tische liest sich’s eben anders.


Zombies des Jahres:
Wir sind Helden

Der Niedergang der neuesten Neuen Deutschen Welle ist im vollen Gange. Wenn auch der Absturz manch obskurer Band länger dauert als erwartet, kann man für eine Zombie-Kapelle der übleren Art das Totenglöckchen wieder einpacken: Wir sind Helden sind schon tot, die brauchen kein Geläute mehr.

In nackten Verkaufszahlen ihrer drei CDs (2003, 2005, 2007): 800.000 — 500.000 — 100.000. Zum Vergleich die CDs von Silbermond (2004, 2006): 600.000 — 800.000 oder Juli (2004, 2006): 1.000.000 — 500.000. Die Bands, die als Nachahmer einer angeblich von der Holofernes-Gang angestoßenen Deutsch-Pop-Welle bezeichnet werden, sind ungleich erfolgreicher als die Initiatoren.

Erstaunlich ist nur, daß Wir sind Helden mehr CDs verkaufen konnten, als ihr Familien- und Freundeskreis groß ist. Das dürre, platte Stimmchen von Judith Holofernes, die sich mit monoton gehetzten Sprechgesängen über beinahe jeden Song retten muß, nervte vom ersten Takt ihrer ersten EP an.

Holofernes wäre aber nicht Holofernes, wenn sie diese Peinlichkeit nicht noch steigern würde. Sie müht sich soooo tapfer, den Ton der Straße zu treffen, und landet nur beim jugendtümelnden Verschlucken der Vokale. Tolle Sache. Klingt wie Gute-Laune-Frühstücksradio. Aber das ist ja auch von Gestern.

Sollten Wir sind Helden tatsächlich ihren Plattenvertrag behalten und eine vierte CD produzieren, wird es Zeit, sich Romeros “Night of the Living Dead” wieder anzusehen. Man will ja nichts falsch machen, wenn man den Zombies auf der Straße begegnet.


Placebo des Jahres:
Joanna Newsom

Kein Entrinnen. Seit 2006 wird die 25jährige Kalifornierin hierzulande als messianische Erlösung gefeiert, als komplexes Songwriter-Wunder, das angeblich keine Zeile doppelt singt und auf klassische Refrains verzichtet. Ah! Oh! Wie grandios! Und sonst? 2007 tourte die Harfenistin durch Deutschland. Noch mehr Ah! und Oh! Warum eigentlich?

Newsoms Folk klingt weder neu noch gut geklaut. Ihre eklektische Melange aus Melanie Safka, Kate Bush und dem artifiziellen Gekickse von Björk wird nicht origineller, wenn sie dabei in die Harfe greift und auf ihrer CD “Ys” Großväterchen Van Dyke Parks die Arrangements notieren läßt. Und Steve Albini, der zweite große Pate von “Ys”, produzierte in seinem Leben auch schon einen respektablen Haufen Schrott. Aber vielleicht genügt inzwischen die Nennung der “Ich trage einen großen Namen”-Veteranen in den Linernotes, um vor Ehrfurcht erstarren zu müssen, wer weiß.

Newsom zirpt und zilpt sich angestrengt durch ihre akademische Kunstwelt, eisern bemüht, jede Silbe nicht etwa zu singen, sondern zu intonieren. Sie flüstert und haucht, zwitschert und schreit, näselt und preßt, gackert und summt. Sie wechselt rasant Tempi und Tonlage. Das kann nicht jeder, keine Frage. Das Resultat wirkt aber so lebensprall wie eine Puppenstube mit Porzellanfiguren, über denen geschrieben steht: “Bitte nicht berühren.”

Man könnte Newsoms quälenden Manierismus achselzuckend abtun, wäre da nicht der immer wiederkehrende Vergleich mit Devendra Banhart. Und dieser Vergleich ist mehr als albern. Auf der einen Seite die Hobby-Elfe, auf der anderen der großartige Inspirator der neuen Folkmusik. Was Devendra Banhart auf einer einzigen CD aus seinem Bart schüttelt, wird Newsom weder in dieser Welt noch nach ihrer Reinkarnation als Waldelbe von Lórien zustande bringen.

Besonders drastisch ist der Unterschied live zu erfahren: Devendra Banhart lebt. Joanna Newsom könnte auch in Las Vegas spielen, fünfmal pro Woche im “Caesars Palace”.

Nun ist es durchaus möglich, daß ältere männliche Redakteure angesichts des Newsom’schen Elfengewispers und ihrer jungmädchenhaften Physiognomie in Wallung geraten, erstaunt eine Reaktivierung ihrer erschlafft geglaubten Schwellkörper registrieren und entzückt eine Lobpreisung Newsoms in die Tastatur hauen.
Das kennt man vom Placebo-Effekt: Schnieke Verpackung + dürrer Inhalt = tolle Wirkung.

Für Testosteronschübe gibt es aber die Centerfolds im “Playboy”. Die haben zwei Vorteile: Sie sehen besser aus — und sie sind stumm.

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Sie heißt Galadriel und herrscht über die Waldelben von Lórien.

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Sie heißt Joanna Newsom und hat nur spitze Ohren.

    2007 … war was? Teil 3: Cops

    Veröffentlicht in Politik, Poll 2007 - Teil 3: Cops Mit Tags, , , , , bei Dezember 29, 2007 von messitschbyburns

    Juni 2007, Rostock und Heiligendamm: Die Regierung erteilt ihren Landeskindern eine Lektion in Gemeinschaftskunde

    Allgemeine Erklärung der Menschenrechte:

    Artikel 1
    Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.

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    Artikel 3
    Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.

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    Artikel 19
    Jeder Mensch hat das Recht auf freie Meinungsäusserung; dieses Recht umfasst die Freiheit, Meinungen unangefochten anzuhängen und Informationen und Ideen mit allen Verständigungsmitteln ohne Rücksicht auf Grenzen zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten.

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    Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland:

    Artikel 1
    (1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

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    Artikel 3
    (3) Niemand darf wegen (…) seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.

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    Artikel 4
    (1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.

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    Artikel 5
    (1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

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    Artikel 8
    (1) Alle Deutschen haben das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln.

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    Allgemeines Gesetz zum Schutz der öffentlichen Sicherheit und Ordnung in Berlin (ASOG - Berliner Polizeigesetz):

    § 11
    (1) Von mehreren möglichen und geeigneten Maßnahmen haben die Ordnungsbehörden und die Polizei diejenige zu treffen, die den einzelnen und die Allgemeinheit voraussichtlich am wenigsten beeinträchtigt.

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    (2) Eine Maßnahme darf nicht zu einem Nachteil führen, der zu dem erstrebten Erfolg erkennbar außer Verhältnis steht.

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    (3) Eine Maßnahme ist nur solange zulässig, bis ihr Zweck erreicht ist oder sich zeigt, daß er nicht erreicht werden kann.

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    Fotos (c) by diebineunddastobi

    Seek, Break, Build: Auf nach Polen!

    Veröffentlicht in Musik Mit Tags, , , , , , , bei Dezember 22, 2007 von messitschbyburns

    Zwei gute Nachrichten an einem Tag: Die polnische Grenze ist seit gestern frei passierbar, und ein paar Bundespolizisten müssen wohl ihr Kontroll-Fensterchen in die eigene Wohnungstür sägen und durch das Guckloch ihre Familie anschnauzen, wenn sie von nostalgischen Gefühlen übermannt werden. An der Grenze haben sie ausgebellt.

    Beste Voraussetzungen also, um sich sofort nach Polen zu begeben und CDs zu kaufen. Das Warschauer Label “Polskie Nagrania” hat im Jahr 2004 die ersten vier Platten von SBB remastert und äußerst liebevoll im originalen LP-Artwork (miniature LP gatefold sleeve) als “Edycja limitowana” wiederveröffentlicht. Und das allerschönste: Kein Bonus-Dreck verhunzt diese CDs.

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    SBB (1974)
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    Nowy Horyzont (1975)
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    Pamięć (1976)
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    Ze Słowem Biegnę do Ciebie (1977)

    Die Aufnahmen von SBB sind bis heute singulär, unkategorisierbar. Eine kreative Eruption exzellenter Musiker, die über vier Platten anhielt und sich erst ab der fünften Veröffentlichung erschöpfte. Im Gegensatz zu Werken anderer Bands, die irgendwann die Welt erschütterten, altert die Musik von SBB nicht. Was in den Jahren 1974 bis 1977 sprachlos machte und die Ohren schlackern ließ, wirkt immer noch frisch, zügellos und ungebändigt.

    Anfangs mit roher Gewalt und in freien Strukturen, wie nach allen Seiten um sich schlagend, später aufgefangen und strukturiert, aber permanent unter Dampf, berstend vor Energie. Avantgardistisch und zeitlos, ohne schulmeisterliche “Wir sind so klug”-Attitüden.

    Wie in der Welt der guten Musik generell, gilt hier erst recht: Maximum Volume Yields Maximum Results.

    Dein Nachbar will an den akustischen Erdbeben teilhaben, die Józef Skrzek, Antymos Apostolis und Jerzy Piotrowski mit ihren Instrumenten erzeugen. Erfülle ihm diesen Wunsch.

    Die CDs dürften in Deutschland seltener zu finden sein als Verstand in den Räumen des Kanzleramtes. Macht nix: Polen ist durchgehend geöffnet.

    Banner der Spiele

    Veröffentlicht in Games Mit Tags, , bei Dezember 22, 2007 von messitschbyburns

    Kulturstaatsminister Bernd Neumann denkt über einen Staatspreis für Computerspiele nach:

    “Dem Zeitungsbericht zufolge soll der Preis an PC-Spiele vergeben werden, die ‘qualitativ hochwertig, pädagogisch wertvoll und gesellschaftlich erwünscht’ seien.”

    Das Kriterium “Gesellschaftlich erwünscht” könnte wörtlich aus einer Direktive der Abteilung Propaganda beim ZK der SED abgeschrieben worden sein. “Banner der Spiele, Stufe I”. Die Prämie von 1000 Mark der DDR läßt sich ja in Euro umrechnen.

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    Schön, daß in diesen hektischen Zeiten eine gewisse Kontinuität bewahrt wird. Denn nicht alles, was machbar ist, ist auch gesellschaftlich erwünscht. Das siehst du doch ein, Genosse Kollege. Oder? ODER?

    Aus dem Tagebuch eines Popredakteurs

    Veröffentlicht in Musik Mit Tags, , , , , , , , bei Dezember 21, 2007 von messitschbyburns

    Eintrag vom 08.11.2007, in ganz tiefer Nacht geschrieben.

    Liebes Tagebuch,

    manchmal habe ich mein Leben richtig satt. Kennst du dieses miese Gefühl, wenn jemand kommt und dir dein schönstes Spielzeug wegnimmt? Das ist verdammt hart. Aber denk nur, liebes Tagebuch: Heute kam es noch viel dicker. Das glaubst du nicht? *seufz* Ich kann es auch kaum glauben. *ganztraurigseufz* :-(

    Weißt du, mein heiß geliebtes Tagebuch, ich bin doch hier derjenige, der checkt, wo vorn ist. Der jeden Trend als Erster wittert oder auch mal erfindet als Zweiter. Ohne mich wüßten unsere depperten Leser bis heute nicht, daß Visual Kei kein Eyeliner für Bill Kaulitz, sondern die hammerhärteste J-Rock-Sensation ist, die man sich denken kann. Okay, eigentlich ist Visual Kei die sterbenslangweiligste Kinderkacke wo gibt, aber he!, das bleibt unser süßes Geheimnis!!! *smile* :-)))

    Ist ja auch gemein, jede Woche die Entdeckung eines neuen Pop-Wunders von mir zu verlangen. Apropos: Wer verlangt das eigentlich von mir? Weißt du es, kleines Tagebuch? :-0

    Egal. Manchmal tue ich ja nicht nur so, als würde ich meine Nase in den Wind halten. Dann höre ich wirklich einen dicken fetten Brocken im Anflug und spüre, daß er mit voller Wucht einschlagen wird. The next big thing, wie wir Fachleute sagen. *ROFL*

    Ach, ich will nicht lügen. In Wahrheit habe ich den Rumms nur einmal gehört. Bei den anderen dicken fetten Brocken mußte ich ein bißchen flunkern. Nein, gestrenges Tagebuch, ich habe nicht gelogen! Ich habe nur geflunkert! Unsere Leser sind simpel gestrickt. Die können sich kaum den Wetterbericht von Gestern merken. Die schnallen doch gar nicht, wenn ich ihnen eine angebliche Next-Big-Thing-Pop-Granate unterschiebe, die eher eine Knallerbse ist. *hihihihi* :-D

    Ist aber nicht so schlimm, weil das nennen wir Borderline-Journalismus. Puh, jetzt ist es raus. Das behältst du doch für dich, liebstes Tagebuch, gell??? *gggggg*

    Ich habe den Rumms also nur einmal gehört. Das geschah im Jahr 2005, hier in Berlin. Ich ging in den Magnet Club. Du weißt schon, dieser winzig kleine Schwitzkasten mit den irren Eintrittspreisen. Wer dort seine Tickets selbst bezahlt, muß ganz schön blöd sein. Ich als Popredakteur stehe Gott sei Dank auf der Gästeliste. Man gönnt sich ja sonst nichts. *kicher*

    (Memo an mich: “Man gönnt sich ja sonst nichts” notieren und im nächsten Halbseiter über J-Rock unterbringen.)

    Ich stand also im Magnet Club, und was soll ich dir sagen, mein allerliebstes Tagebuch? Ich war hin und weg. Ich glaubte, zu träumen. Ich war Zeuge eines Urknalls. Ich taumelte wie in Trance.

    Ich hatte die Zukunft der Rockmusik gesehen, und ihr Name war: Arcade Fire.

    Damals, in der guten alten Zeit des Jahres 2005, kannte kein Schwein diese Band. Nur ich und ein paar Leser der Spex. Eine ganz kleine Minderheit. Die Elite sozusagen.

    Wir waren unter uns. Wir schlossen Arcade Fire in unser Herz und warfen den Schlüssel weg. Wir hüteten unser Geheimnis. Ich schrieb ein paar dürre Zeilen für meine Zeitung, in dem Bewußtsein, daß ich eh’ nur Perlen vor die Säue werfe und meine Leser lieber eine CD mit den schönsten Gitarrensoli von Rick Wakeman denn die Schallplatte “Funeral” von Arcade Fire kaufen würden.

    (Memo an mich: Das Wort “Schallplatte” notieren und ab jetzt konsequent verwenden. Das zeugt von Traditionsbewußtsein, Eigensinn und der Ablehnung technologischen Tands.)

    So verging die Zeit, und ich war rundum glücklich. Bekam ich Besuch, legte ich verschwörerisch “Funeral” auf und wartete scheinbar gelangweilt auf die Frage: “Is’n dit?” Dann nuschelte ich im originalen Montréal-Slang die Worte “Arcade Fire”. Das hatte ich lange vor dem Spiegel geübt, mein liebes Tagebuch. Ich kann bis heute prima montréalisch nuscheln.

    Prompt erstarrten die Gäste erfurchtsvoll und lauschten den unbekannten Klängen des Ensembles. Das heißt, sie wären ganz bestimmt erstarrt und hätten gelauscht, wenn ich Gäste empfangen würde. Aber mich besucht ja keiner. Ich weiß nicht, warum, mein herzallerliebstes Tagebuch. Weißt du es? *ratlosbin* :-0

    (Memo an mich: Das Wort “Ensemble” notieren und in Zukunft an Stelle von “Band” verwenden. Das vergrößert meine intellektuelle Aura. Nach zehn Artikeln mit “Ensemble” unsere Sekretärin fragen, ob ich ihr meine Schallplattensammlung zeigen darf.)

    Zwei Jahre später … Oh Gott, ich möchte nicht darüber sprechen, mein wundervolles Tagebuch. Aber es muß raus! raus! Sonst ersticke ich! Noch einmal in mein Taschentuch schneuzen … Danke der Nachfrage, mein gutes Tagebuch, es geht schon wieder.

    Zwei Jahre später also spielten Arcade Fire wieder in Berlin. Doch der Ort! Dieser verfluchte Ort! Die Verräter — ich kann und will es nicht anders nennen, mein grundgütiges Tagebuch — die Verräter der sogenannten “Band” Arcade Fire konzertierten in der Columbia-Halle! Vor 3.500 Menschen! *vorzornmitdemfußaufstampf* >:-(

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    Ich hätte erwartet, daß die unwissende Meute verständnislos zur Bühne glotzen würde. Wer außer einem Popredakteur sollte schon Arcade Fire kennen, geschweige denn goutieren? Aber ach!

    Das Publikum sang und tanzte zur Musik — von Beginn an! Es war nicht nur fröhlich, sondern beflügelt, enthusiasmiert! Es feuerte Win Butler an, huldigte Régine Chassagne und feierte tosend jeden einzelnen der zehn Musiker! Die Zuschauer hüpften und sprangen oder hielten einander an den Händen und wiegten sich beseelt im Takt und schmetterten aus tausenden Kehlen wie mit einer einzigen, majestätischen Stimme die heiligen Refrains von Arcade Fire! Sie lachten und scherzten, ihre Augen strahlten, ein jeder war des anderen Freund, der Weltfrieden lag nie näher, und ein Pärchen küßte sich engumschlungen auf den Mund — kurz, es war widerlich!

    Gutes altes Tagebuch, ich bin erledigt. Mein Insiderwissen ist dahin. Der Gedanke an diese Schmach treibt mir die Tränen in die Augen. Wenn ich doch nur sterben könnte! *tränenausdenaugenwisch* :’-(

    Was bleibt mir noch, mein heißgeliebtes Tagebuch? Eine Abrechnung mit dem Pöbel, als Rezension getarnt. Das kann mir keiner nehmen:

    “Zu eingekästelt war die Band in ihrem pompösen Bühnenaufbau, zu wenig spontan die Darbietung.”

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    Ha! Das saß! Noch ein Tritt ins Gemächt:

    “Immer noch schlug Richard Parry auf seinem Motorradhelm herum; doch wirkten solche Aktionen inzwischen ebenso routiniert wie die Musik.”

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    Sehr gut! Und jetzt nimm das, du Luder!

    “Originalgetreu boten Arcade Fire ihre Studio-Songs dar, schichteten Instrument um Instrument aufeinander.”

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    Originalgetreu — das klingt wie “Pink Floyd in Concert.” Toll gemacht! *hämischlach* Das ist der größtmögliche Schlag gegen Arcade Fire! *ganzfinsterlach* >-)

    Nun der Todesstoß:

    “Bei weitem nicht alles, man sah, war auch zu hören; was man hörte, war das, was man immer hört, wenn große Ensembles ihre Spontaneität verlieren: Bombast.”

    Bombast! Oh mein großer Gott, für dieses eine Wort müßte ich mich küssen, wenn ich könnte! Was für ein gnadenloser Hieb! Bombast ist Phil Spector, ist Jeff Lynn, ist Vergangenheit! Ich bin grandios!

    Einen Moment, mein zuckersüßes Tagebuch, ich will mir rasch die Hände abwischen … So, geht wieder.

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    Egal, ob ich der einzige bin, der nach dem Konzert mit schrumpligem Gesicht nach Hause schlurft. Egal, ob 3.500, 35.000 oder meinetwegen 350.000 Leute glauben, sich bei Arcade Fire amüsieren zu müssen. Arcade Fire ist meine Entdeckung! Die nimmt mir keiner weg! Keiner!

    So, jetzt fühle ich mich viiiiiel besser. Gute Nacht und schlaf recht schön, mein kleines knuti-goodie-knuffel-wuffel-Tagebuch!

    Dein Mauseschwänzchen

    P.S.: Hab dich lieb!

    Fotos (c) by Norbert Roeglin

    Dummdeutsch deluxe (2)

    Veröffentlicht in Dummdeutsch Mit Tags, , , bei Dezember 18, 2007 von messitschbyburns

    Seit Jahren ein Running Gag im ZDF: “Das Wetter präsentiert Ihnen die Dresdner Bank.”

    Fabelhaft, ZDF. Mit dem Zweiten lacht sich’s besser.

    Unser Held Eppelmann

    Veröffentlicht in Unsere Besten Mit Tags, , , , , , , , , , , , , bei Dezember 16, 2007 von messitschbyburns

    Der “Club der Maueröffner” wächst. Bisher stehen auf der Liste:

    Günter Schabowski
    David Hasselhoff
    Wolf Biermann
    City
    Scorpions
    Ronald Reagan

    Michail Gorbatschow
    Papst Johannes Paul II.

    Als wäre das Gedränge in diesem Darkroom peinlicher Menschen nicht groß genug, kratzt reichlich verspätet ein kleines, korpulentes Etwas an der Tür.

    Rainer Eppelmann, Pfarrer a.D., Abgeordneter a.D., Minister a.D., dachte 18 Jahre lang nach, wo er den Abend des 09.11.1989 verbrachte. Endlich fiel es ihm ein: Er spazierte zum Berliner Grenzübergang Bornholmer Straße und erhaschte dort seinen Zipfel des Mantels der Geschichte:

    “Die Grenzer standen uns - es war faszinierend - hilflos gegenüber, zu einer angemessenen Reaktion unfähig. Da haben wir gemeinsam mit Nebenstehenden den Schlagbaum hochgehoben und sind in das Gelände der Grenzbefestigungsanlagen der DDR hineingegangen, bis zur Bornholmer Brücke. Es war ganz einfach, und es passierte wieder: nichts.”

    Mutig wie ein Erdhörnchen stand Eppelmann in der Menge, um den Gang der Dinge zu beobachten. Als sich die Waagschale zu Gunsten des dräuenden Volkes neigte, sprang Erdhörnchen Eppelmann aus der Etappe nach vorn, legte seine postpastorale Hand an den Schlagbaum und griff persönlich ins Weltgetriebe ein.

    Obwohl: Wie konnte der sehr kurz gewachsene Eppelmann den wuchtigen Schlagbaum anheben? Mit Gottes Hilfe?

    Das wird Eppelmann der Kühne vielleicht in seinen Memoiren “Ich und der Schlagbaum” enthüllen. Vorerst sinniert der schlaue Fuchs über seinen Platz in den Geschichtsbüchern:

    “Bis heute weiß ich allerdings nicht, ob wir uns damals ein historisches Verdienst erworben haben.”

    Mensch, Eppelmann, alter Tiefstapler! Als klerikaler Propagandist sind dir doch die Mechanismen der schleichenden Selbstvergöttlichung bekannt: Wer an seiner Legende stricken will, muß so tun, als wäre er ein kleines Licht — und mit schüchternem Augenaufschlag an der Bedeutsamkeit der eigenen Tat zweifeln.

    Es werden sich schon Claquere finden, um die Großtat auszuschmücken, aufzublähen und der Menschheit zu verkünden. Hat sich Thierse schon geäußert? Möchte Henckel von Donnersmarck die Filmrechte kaufen?

    Und wer bringt den wirklichen Maueröffner Harald Jäger endlich zum Schweigen? Kann ja nicht sein, daß ein Oberstleutnant der Staatssicherheit der DDR einen Schatten auf Ihro Eppelmann wirft!

    Doch Zeit heilt bekanntlich Wunden. Gut möglich, daß sich uns’ Eppelmann in einigen Jahren daran erinnert, in der Nacht des 09.11.1989 am Grenzübergang Bornholmer Straße mit fester Stimme gerufen zu haben: “Wir fluten jetzt!”

    Bis dahin muß dieser historische Befehl Oberstleutnant Jäger zugeschrieben werden. Eppelmann, it’s your turn!

    eppelmann

    Wer ist die abgebildete Person?
    a) Walter Ulbricht
    b) Wladimir Iljitsch Lenin
    c) Unser Held Eppelmann

    Schreiben Sie Ihre Antwort auf ein A4-Blatt, falten Sie es zu einem lustigen Hütchen und setzen Sie es zur nächsten Veranstaltung Ihrer CDU-Ortsgruppe auf.

    Computerspieler sind hartnäckig

    Veröffentlicht in Games Mit Tags, , bei Dezember 15, 2007 von messitschbyburns

    Ralf H. aus S. schreibt: “SOS — Liebe Programmierer von Galaxis Futura, dies ist ein Hilferuf.” Ralf H. steckt im ersten Level fest und bittet um einen Lösungsweg.

    “Captain Gysi: Galaxis Futura” ist 1998 erschienen. So viel Hartnäckigkeit muß belohnt werden: Die Komplettlösung ist unterwegs. Frohes Fest!

    Dazed and Confused

    Veröffentlicht in Musik Mit Tags, , , , , , , , , , , , bei Dezember 12, 2007 von messitschbyburns

    Wenn eine Band wie Led Zeppelin ihre Reunion ankündigt, darf der eine oder andere Musikfreund schon mal aus dem Häuschen sein. Wenn aber ganz viele Fans erwartungsvoll vibrieren und sich die Vorfreude zum flächendeckenden Glückszustand auswächst, dann muß es einen geben, der dagegen ist. Dieser Eine ist mit Sicherheit Redakteur bei der taz.

    Im berüchtigten Schwiemelschwurbel der taz, deren Stil sich immer stärker Alice Schwarzers gedruckten Häkeldeckchen nähert, formuliert ein Herr namens Tobias Rupp sein Entsetzen über den Sexismus in Led Zeppelins Texten.

    Holla! Sexismus bei Led Zeppelin! Das ist aber neu! Und so aufregend! Wie sind denn heute die Butterpreise? Das ist ja auch so aufregend!

    Ruppi, wie ich den engagierten Kämpfer gegen Schmutz und Schund in deutschen Playern liebevoll nennen möchte, hörte die Best Of “Mothership” und wich entsetzt zurück: “Aufgebockter Höhlenmenschengroove”, “präorgiastische Euphorie”, “postkoitale Melancholie”. Dann packte er die ganz große und typisch deutsche Keule aus: “Wer von Sidos ‘Arschficksong’ redet, (sollte) von den Zeilen ‘I wanna be your backdoorman’ nicht schweigen.”

    Um Backdoorman so fulminant zu mißdeuten, muß man schon einen gewaltigen Knacks im eigenen Ego haben. Ob Ruppi seine verkorksten zwischenmenschlichen Beziehungen oder geheimen sexuellen Sehnsüchte auf Led Zeppelin projiziert? Steckt er in der Aufarbeitung seiner analen Phase? Wir werden es nie erfahren.

    Der Artikel endet mit den prophetischen Worten: “Diese Musik funktioniert heute nur noch als Zitat oder Parodie. Man kann auch historischer Fortschritt dazu sagen.”

    Nun ja. Es kam dann doch ein wenig anders.

    TRIUMPH. TAUMEL. BEGEISTERUNG.

    In äußerst seltener Eintracht glühten die Rezensenten, die Zeugen des Londoner Konzerts sein durften, für diesen Auftritt. Redakteure von SPoN, Stern, SZ, FR, Focus, Die Zeit, Die Welt, Berliner Zeitung, Tagesspiegel, NZZ, ARD und ZDF jubelten und schwärmten gänzlich ungeniert. Freude pur.

    Ob sich Ruppi ob dieses sensationellen Comebacks vor die S-Bahn geworfen hat? Ach, wen interessiert’s …

    Viel interessanter ist die Setlist von London:

    Good Times Bad Times
    Ramble On
    Black Dog
    In My Time Of Dying
    For Your Life
    Trampled Under Foot

    Nobody’s Fault But Mine
    No Quarter
    Since I’ve Been Loving You
    Dazed And Confused
    Stairway To Heaven

    The Song Remains The Same
    Misty Mountain Hop
    Kashmir
    Whole Lotta Love
    Rock And Roll

    Total: 2 Stunden, 17 Minuten. Eine DVD ist zu erwarten. Bis dahin kann man sich mit diesen Fotos trösten.

    Und vielleicht ringen sich Jimmy Page, Robert Plant und John Paul Jones doch noch dazu durch, ihre Werke so zu remastern, daß das Wort “Remaster” mehr ist als ein Marketing-Gag. Ihr Gesamtwerk ist ja überschaubar, und an den Finanzen sollte es wohl nicht scheitern. Seit ihrem epochalen Dreifachalbum “How The West Was Won” dürften sie wissen, wie ein nahezu perfektes Remaster klingen kann.