2007 … war was? Teil 1: Tops
Veröffentlicht in Musik, Poll 2007 - Teil 1: Tops Mit Tags2007, Chrome Dreams II, Gov't Mule, Hanne Hukkelberg, High On Fire, ISIS, M.I.A., Mark Lanegan, Mike Patton, Minsk, Neil Young, Neurosis, Poll, Seeed, Soulsavers, Strange Death Liberal England, Tomahawk bei Dezember 30, 2007 von messitschbyburnsEine Auswahl höchst vergnüglicher Musik des Jahrgangs 2007. Natürlich subjektiv und parteiisch.

Praliné des Jahres:
M.I.A.: Paper Plains (Kala, XL Rec., 2007)
Die CD “Kala” von M.I.A. erfuhr eine eigentümliche Rezeptionsgeschichte im deutschen Feuilleton. Kaum ein Blatt verzichtete auf mehrspaltige Laudationes, vergaß aber nicht, den Zeigefinger mahnend in Richtung ihres Papas Arul Pragasam zu heben, einem Aktivisten der “Liberation Tigers of Tamil Eelam” in Sri Lanka. Mitglied der “Tigers of Tamil” zu sein, ist von Papa sehr ungehörig! Denn wie jeder Deutsche weiß, besteht der politische Kampf im Zettelfalten aller vier Jahre. Mehr Kampf ist böse, und bewaffneter Kampf ist böse-böse.
Auf der anderen Seite wurde M.I.A. in der hiesigen Presse als multikulturelle Botschafterin geadelt. Geboren in London, aufgewachsen in Sri Lanka und London, ihre Songs als Weltreisende in diversen Ländern eingespielt, bot sie sich als Ethno-Queen geradezu an. Außerdem gibt das 10 Gemütspunkte für die immer noch alternativ angehauchte Seele des Feuilleton-Redakteurs.
“Kala” ist jeden Cent wert. Nicht die ganz große Erregung, aber auch kein Reinfall. Man muß die CD selbstverständlich laut hören (wie jede gute Musik) und kann sich bei grimmigem Hip-Hop, hartem Electro, kernigem Agit-Prop und zuckersüßen Bollywood-Samples wunderbar amüsieren.
Ganz besonders laut sollte man den Song “Paper Planes” hören. Darin sampelt M.I.A. u.a. MG-Geräusche: Laden, Feuern, Laden, Feuern … Eine simple Idee, die ihre grandiose Wirkung um so besser entfaltet, je weiter der Lautstärkeregler aufgedreht wird. Die Militanz der Musik von M.I.A. wird hier effektiv auf den Punkt gebracht. Da bleiben keine Fragen offen.

Gov’t Mule pflügen seit Jahren ihre eigene Spur. Angeführt von Warren Haynes, stampfen die Erben der Allman Brothers seit 1995 durch die Welt, unbeirrt von Moden und Trends. Gov’t Mule = Blues + Cream + ausufernde Improvisationen, dokumentiert auf Doppel- und Dreifach-CDs voller Live-Musik.
Einen Bestandteil ihres Sounds bildete schon immer der Reggae. Nicht der wichtigste, aber in einigen Titeln unüberhörbar. Einem gemütlichen jamming und dubbing war Warren Haynes nie abgeneigt. Jetzt füllte er damit eine komplette CD — als Dub-Reprise der Gov’t Mule-Produktion “High & Mighty”, 2006 erschienen.
Ihr “High & Mighty”-Song “Unring the Bell” erscheint auf “Mighty High” gleich in vier Versionen. Auch “Like Flies” und “So Weak, So Strong” tauchen als Dub-Cover auf; ebenso die Klassiker “I’m a Ram” von Al Green, “The Shape I’m In” von The Band und “Play With Fire” von den Stones.
Kein Mensch braucht diese CD. Und genau deshalb sollte man sie kaufen. Einfach so, aus Spaß.

Eine Schreibmaschine, ein Topfdeckel, eine leere Flasche — mehr braucht Hanne Hukkelberg nicht. Wo ein Geräusch ist, hält sie ihr Mikro hin. Die Tiere des Waldes und der Wohnung, der Lärm der Straße, eine schnurrende Katze, eine quietschende Schublade oder eine klappende Tür sind die Kulissen, in denen sie ihre ganz private musikalische Welt ausbreitet.
Dabei entsteht kein L’art pour l’art, sondern ein kleines Wunder zwischen Folklore, Barjazz und Kinderliedern, mal minimalistisch verknappt, mal avantgardistisch angehaucht oder ganz einfach spinnert. Sobald der Player läuft, entfaltet das kleine Wunder seine zarten Schmetterlingsflügel, grient dich an und flattert leise summend durch die Wohnung.
Die Norwegerin Hukkelberg, die einige Monate in Berlin lebte und ihre Berliner Adresse im Namen der CD verewigte, berührt den Hörer sanft mit ihrer jazzig verträumten Stimme. Man lächelt, singt “Break my body, hold my bones, hold my bones”, füllt das Whiskyglas, tritt ans Fenster, schaut in den Himmel zwischen Nachtradio und Morgendämmerung und denkt: “Alles wird gut.”

Ein Sonntag im August. 17.000 tobende, tanzende Menschen. Letztes Konzert von Seeed vor einer 18monatigen Pause. Die Freilichtbühne in der Wuhlheide ist an diesem wie an den beiden vorherigen Tagen ausverkauft. Bombenstimmung und Party ohne Ende; das Berliner Publikum amüsiert sich wie Bolle. Das ist Seeed, und das ist ihr Gebiet.
Die Band funktioniert perfekt. Sie spült Hit auf Hit von der Bühne. Im Publikum bleibt niemand kalt. Standing Ovations von der ersten Minute an. Hüpfen auf den Bänken, in den Gängen und über die Treppen. Hüpfen zum Bierstand und wieder zurück. Die Mädchen hinter dem Tresen wippen lachend im Takt. Selbst die Ordner lächeln und schwingen verstohlen ihre Arme.
Alle sind glücklich. Man tänzelt nach dem Konzert zur S-Bahn und träumt während der Heimfahrt im schaukelnden Takt der Waggons von Dance Hall und Reggae.
Aber: Es war das letzte Mal.
Seeed können nicht weitermachen wie bisher. Trittbrettfahrer haben sich längst am Dance-Hall-Zug festgekrallt und kassieren den Lohn für Seeeds Kärrnerarbeit. Und der Lebenszyklus von Seeeds Riddims ist begrenzt. Nichts währt ewig, erst recht nicht intelligente Gute-Laune-Musik in Deutschland.
Während des Konzerts konnte man kurze Momente der Irritationen erleben. Ein leicht erschrockenes Aufflackern im Publikum, wenn Seeed keinen hitparadenerprobten Dance-Hall-Brecher, sondern unbekannteres Material spielten. Sicher, mit ihrer überragenden Professionalität packte die Band das Publikum blitzschnell am Schlaffitchen und ließ keine Atempause zu.
Aber die Vorboten dessen, was passieren könnte, wenn Seeed ihren Sound weiterentwickeln, waren unübersehbar. Ebenso die Erschöpfung und der Stillstand nach der gigantischen Woge des Erfolgs. 2009 mit “Dickes B (Part 2)” anzutreten ist kaum denkbar.
Wie auch immer die Entscheidung ausfallen mag: Die Nacht des 26. August 2007 war der Abschied von Seeed, wie wir sie kennen und lieben. Eine große Band, deren Mitglieder als Straßenmusiker begannen, feierte große Triumphe — nicht des Marketings, sondern der Musik wegen. Thank you, Seeed.

Man könnte zur Band mit dem Bandwurmnamen sagen: Ha! Ihr klingt wie! Nämlich wie Arcade Fire, Godspeed You! Black Emperor und A Silver Mt. Zion! Allein, es fehlt das epigonenhafte Bemühen, einem Vorbild nachzueifern. Eher hat man den Eindruck, eine Rasselbande pubertärer Lausejungen stürmt ins Studio, stöpselt irgendwelche Instrumente ein und schmettert drauflos. Das sie dabei klingen wie …, das ist wohl Schicksal.
Der mit hoher Stimme vorgetragene, dramatisch klagende Gesang und die epischen Mini-Dramen sind keine neue Erfindung (das waren sie auch bei Arcade Fire, GYBE und ASMZ nicht), aber sei’s drum. Hier macht Musik einfach Spaß. Und wenn dieses verdammt kurze Werk ihre erste und letzte CD sollte, dann haben sie immerhin ihren Fußabdruck in der Popgeschichte hinterlassen. Zwar ein kleiner Abdruck, aber ein lustiger.

Konzerte sind nicht immer befriedigend. Der Beginn richtet sich eher nach der Konstellation des Mondes zur Sonne als nach der angekündigten Uhrzeit; Sound und Licht scheinen immer öfter in der Hand frohgemuter Praktikanten zu liegen, und vor dem erhofften Ereignis muß sich der Besucher durch albtraumhafte Vorbands quälen, deren Anwesenheit auf dem Ticket listig verschwiegen wurde.
Wie groß ist aber die Freude, wenn die Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern radikal übertroffen wurden!
ISIS live: Das konnte eigentlich nur in die Hose gehen. Wie soll das Soundgewitter, bei dem die heimischen Boxen beglückt um Fassung ringen, in einer gruftähnlichen Location wie dem Berliner Postbahnhof funktionieren (der ja tatsächlich nie etwas anderes war als ein Postbahnhof, ergo eine Betonhalle für Briefsäcke, Pakete und die Abobündel der “Messitsch” — mit entsprechend optimierter Null-Akustik)?
Doch es funktionierte. UND WIE! Gitarrenflächen schichteten sich auf Gitarrenflächen, dick und fett und mächtig wie auf CD. Ach was, besser als auf CD!
So selten man das sagen kann, hier ist es keine Übertreibung: ISIS live stellten ISIS im Studio in den Schatten. Der Druck, den die Band auf der Bühne entfesselte, packte noch den letzten Magen in der letzten Reihe. Die Ohren wußten nicht, wohin sie sich zuerst orientieren sollten, um kein Fitzelchen zu verpassen. Vor allem die Stücke der beseelten CD “Oceanic” baute ISIS zu wahren Soundmonstern auf.
Als stünde eine Armada beherzter Gitarristen auf der Bühne, deren Instrumente traumwandlerisch das Wasser schwingen lassen: Zuerst als nettes Ambient-Geplätscher, dann höhere Wellen schlagend, schließlich Woge um Woge zu Brechern auftürmend und am Ende einen alles verschlingenden Tsunami über das Publikum jagend. Bei alle dem versanken die Musiker wie in Trance. Es schien, als wüßten sie nicht, wo sie sind und wer sie sind. Nur der Moment zählte noch, der ihre unerhörte Musik schuf.
Wie, um Himmels Willen, klingt diese Band in einer richtigen Konzerthalle, mit eingemessener Akustik und ausgefeiltem Soundsystem? Würde man es überleben?

Side Project des Jahres:
Tomahawk: Anonymous (IPECAC Rec., 2007)
Mike Patton kann im Grunde genommen machen, was er will. Dieser mit einer der unglaublichsten Stimmen der Rockgeschichte gesegnete Mann singt, spielt, tourt und produziert in einer Quantität, Qualität und Perfektion, die ihresgleichen sucht. Und er ist immer, wirklich immer, für eine Überraschung gut.
Mit Tomahawk, einem seiner Side Projects, griff Patton für deren dritte CD (nach “Tomahawk”, 2001, und “Mit Gas”, 2003) tief in den amerikanischen Kulturbeutel. Nicht Blues oder Country, sondern viel tiefer: Indianische Volksmusik. Über 100 Jahre alt und bisher noch nie aufgenommen. Die Vorlagen stammten aus Büchern, in denen die indianischen Traditionals unbekannter Urheberschaft (daher “Anonymous”) von Volkskundlern transkribiert wurden — vor sehr langer Zeit, um dann vergessen zu werden.
Mike Patton (voc, keyb), Duane Denison (g, b) und John Stainer (dr, perc) gruben die Transkriptionen aus, arrangierten sie und spielten sie ein. Natürlich nach Art des Hauses “Tomahawk”. 13 kurze Stücke; wuchtige Tribals und narkotische Tänze; eigenwillig gesungen und exzellent produziert, wie von Mike Patton gewohnt. Für Patton-Puristen vermutlich zu viel folkloristischer Pop; für Freunde der guten Musik jedoch ein Ohrenschmaus.
Und wer Mike Patton seit Faith No More nie wieder gehört hat, kann sich hier an den Mann mit den unkaputtbaren Stimmbändern herantasten, ohne rückwärts vom Stuhl zu fallen. Muß ja nicht gleich “Pranzo Oltranzista” sein.

Selbstmord-Soundtrack des Jahres:
Soulsavers: It’s not how far you fall, it’s the way you land (V2 Rec., 2007)
Mark Lanegan singt. Der perfekte Sound zum Selbstmord. Wer romantisch sterben möchte, programmiere seinen Player zur mentalen Einstimmung auf “Kingdoms of Rain”. Beim Neil-Young-Cover “Trough my Sails” gleitet das Messer wie von selbst durch die Pulsadern. Zum Ausbluten bietet sich “Spiritual” an; auf der Reise durch den Tunnel zum Licht “Revival”, nach der Wiederbelebung im Hospital “No Expectations”.
Eine CD mit größerer emotionaler Wirkung ist schwer vorstellbar. Mark Lanegan und Soulsavers (u.a. mit Will Oldham) ziehen den Hörer in einen tiefschwarzen, bleiernen Strudel. Man fällt und fällt und fällt … sacht taumelnd, die süße Schwere des letzten Weges genießend. Ein süchtigmachender Rausch. Wäre es möglich, täglich zu sterben, dann bitte zu dieser außerirdisch anmutenden, unwirklich schönen Musik.

Monsterjoint des Jahres:
Minsk: The Ritual Fires of Abandonment (Relapse Rec., 2007)
Ein herrlich dickes Psychedelic-Doom-Brett. Sechs voluminöse Titel, drei davon zwischen 13 und 15 Minuten. Pumpendes Schlagzeug. Schwere Gitarren. Episches Keyboard. Grollender Gesang. Neurosis meets Pelican. Wundervoll. Mehr davon.
Dampframme des Jahres:
High On Fire: Death is this Communion (Relapse Rec., 2007)
High On Fire sind das dicke Ende der fabelhaften, viel zu früh im Drogendunst verrauchten Sleep (das dünne Ende teilen sich The Sabians und OM). Nach dem Sleep-Kollaps gründete Gitarrist Matt Pike 1999 das Trio High On Fire, übernahm noch den Gesangspart und beglückte fortan die Welt mit CDs, deren Qualität sich in immer schwindelndere Höhen schraubte.
Der Gott des Kehlkopfes glaubte, es wäre eine gute Idee, Matt Pikes Stimme wie die von Lemmy Kilmister klingen zu lassen. Danke, Gott. Es war eine gute Idee. Viel höher ist aber das Glück zu preisen, daß sich mit Matt Pike, Des Kensel (dr) und Jeff Matz (b, als Ersatz für Joe “Melvins” Preston) drei Typen gefunden haben, die Songs allererster Güte zu schreiben in der Lage sind.
Das Feuerwerk auf ihrer vorherigen CD “Blessed Black Wings” war atemberaubend — aber “Death is this Communion” knüppelt, hämmert und walzt unter den goldenen Hand des Produzenten Jack Endino alles nieder, was in der Nähe der Lautsprecher hockt. Play loud! Play louder!
Des Kensel sollte jeden Monat einen Orden überreicht bekommen: “Für die Wiederentdeckung der Trommelstöcke”. Wie ein Berserker rollt und donnert er über sein Schlagwerk. Weiter, immer weiter. Ohne Pause, dafür mit kleinen und größeren Soli. Richtig gelesen: Schlagzeugsolo im Jahr 2007, und es wird nicht langweilig. Man glaubt es kaum.
Matt Pike spielt seine Gitarre scharf, hart, akzentuiert. Ob er als guter oder weniger guter Gitarrist betrachtet werden soll, ist eine akademische Debatte. Pike spielt, wie eine Metal-Gitarre gespielt werden muß: Direkt und schnörkellos, auf das die Herzen aufgehen und die Trommelfelle vibrieren. Er röhrt sich mit jedem Song ein Stück näher an Lemmys Thron.
An dem Tag, an dem Motörhead die Instrumente abgeben, stehen High On Fire bereit. Einen würdigeren neuen König gibt es nicht.

Oft kopiert, nie erreicht: Wenn Neurosis aus ihren göttlichen Quellen schöpfen, lechzen tausend andere Bands nach den wenigen Tropfen, die über den Rand Walhalls auf die Erde plingen. Doch können sie lechzen und dürsten, bis ihnen die Zungen zerbröseln: Neurosis sind eine Klasse für sich. Die Feinde der Sonne kreisen in ihrem eigenen, düsteren Zeitalter. Hoch über Nebeln und Wolken thronen sie, auf einem granitenen Plateau, über sich nur den fahlen Mond, und schlagen mit glühenden Hämmern Song für Song aus dem schwarzen Fels.
Und sie werden immer besser. Was anderswo als Platitüde für schwachbrüstige Vorgänger-CDs herhalten muß, ist hier die Beschreibung eines unglaublichen Vorgangs. Mehr noch: Mit jeder CD entschwinden Neurosis ein Stück weiter aus dem Blickfeld der Normalsterblichen. Sie beherrschen daß Spiel der Gegensätze wie keine zweite Band. Sie lullen den Hörer mit süßesten Klängen ein — um ihm dann erbarmungslos den Schädel zu spalten.
Die Wucht, mit der Neurosis den Hörer auf den Boden drücken, ihm Zentner für Zentner auf die Schultern stapeln, bis er in die Knie sinkt, langsam auf den Rücken rollt, sich schließlich ergibt und glückstrunken abklopft, ist atemberaubend. Nahtlos kombinieren sie die elektronischen Collagen ihres Side Projects Tribes Of Neurot mit dem grollenden Donner von Neurosis. Die schleppend geschlagene Trommel dröhnt und hallt. Die Gitarren marschieren und marschieren, unaufhaltsam angetrieben vom tiefen, heißeren Gesang — vorwärts! vorwärts! In “Nine” und “Water is not enough” bohren sich Sirenen mit geschliffenen, gläsernen Stimmen in das Hirn. Vermutlich ersetzen Neurosis jedes SM-Studio. Man muß sie nur laut genug hören. Laut!
In “Origin” treiben sie den Exzess auf die Spitze. Satte neun Minuten fließen federleichte Keyboardflächen, zuckersüße Gitarren und eine leise gesungene Stimme durch den Raum, dezent von einer monoton geschlagenen Trommel begleitet. Doch kurz vorm Dahindämmern, unerwartet und urplötzlich, bricht es aus Neurosis heraus: Eine Hymne der Gewalt. Ein Angriff auf alle Sinne. Wie ein Defilibrator, der einen heißen Impuls durch das Herz jagt.
Wer gern im Mittelpunkt steht, sollte sich das erbarmungslos verröchelnd gebrüllte “To the Wind” im gleichnamigen Song als Klingelton auf sein Handy laden. Einen markerschütternderen Schrei findet man kaum. Vorher aber bitte auf zufällig anwesende Omas achten. Oder ihnen wenigstens einen Platz anbieten, damit sie nicht umfallen.

Der mittlerweile 67jährige Neil Young ist ein Denkmal seiner selbst. Die Fans würden ihn auch dann noch feiern, wenn er nur Gedichte rezitierte oder mit den Fingern auf dem Tisch trommelte. Macht er aber nicht.
Statt dessen geht er mit Ralph Molina, Rick Rosas und Ben Keith sowie den Background-Damen Nancy Hall, Annie Stocking und seiner Frau Pegi Young ins Studio, um zehn famose Songs aufzunehmen. Ein Club gestandener Damen und Herren. Man kennt sich, man mag sich, man versteht sich. So entstehen altersweise Werke.
“Chrome Dreams II” ist mitnichten eine Sensation, aber vom 43. Album (vielleicht auch 45. oder 50., je nach Zählweise) ein Wunder zu erwarten, wäre mehr als vermessen. Neil Young singt mit seiner hellen, knabenhaften Stimme immer noch wie ein junger Spund, und er erzählt seine Storys immer noch mit Verve und Esprit. Er spielt sich locker durch 18 Minuten und 13 Sekunden “Ordinary People” und läßt sich dabei so paßgenau von Bläsern begleiten, als hätte er sein ganzes Leben lang nur mit Bläsern gearbeitet. Er schenkt uns luftige Mini-Songs mit dem gleichem Knistern und Funkeln, mit dem er das 14minütige “No Hidden Path” zelebriert. Neil Young liebt seine Gitarren, und seine Gitarren lieben ihn. Was will man mehr?
Großer, guter alter Mann. Mach einfach weiter. Immer weiter.






















