2007 … war was? Teil 2: Flops

Lachnummer des Jahres:
Daddy Cool am Ostbahnhof

Frank Farian klotzte in Berlin für angeblich 12-14 Millionen Euro den “Boney-M.-Theaterpalast” neben den Ostbahnhof: 70 Meter Durchmesser, 58 Meter breite Eingangsfassade, Platz für 45 Künstler und 2058 Zuschauer. Drumherum ein Disco-Zelt, ein Restaurant-Zelt und ein Empfangs-Zelt. Größer, bunter, schriller, teurer. Farian eben.

Vom 26. April an wollte Farian mit einem spektakulären Musical über Boney-M. beeindrucken. Getreu dem Motto: Was ABBA kann, kann Farian schon lange. O-Ton Farian: “(Die Investoren) kriegen ihr Geld auf jeden Fall zurück. Zinslos. Bei Erfolg gibt’s 400 Prozent Rendite.”

Am 24. Juni fiel der letzte Vorhang. Frank Farian bedankte sich kleinlaut “bei ca. 60.000 begeisterten Zuschauern.” Das heißt, bei ca. 1.000 Zuschauern je Tag. Macht eine Auslastung von 50 Prozent. Adieu, Rendite.

Schuld ist angeblich die Berliner Umweltbehörde. Ab 22:00 Uhr mußte Farian die Lautstärke drosseln. Das ist simpelster Lärmschutz in Wohngebieten. Kennt jeder Konzertgänger und Veranstalter — nur der Weltmann Farian nicht. Dabei ist Boney M. ohne zugedröhnte Ohren wie ein Kaiser ohne Kleider: Plötzlich hört man den ganz ordinären Plastikschrott hinter all dem Remmidemmi. Für bis zu 87,00 Euro je Ticket.

Am 22. April durfte Farian noch mit den Worten zitiert werden: “In Berlin fühle er sich ’sehr willkommen’.” Vor Tische liest sich’s eben anders.


Zombies des Jahres:
Wir sind Helden

Der Niedergang der neuesten Neuen Deutschen Welle ist im vollen Gange. Wenn auch der Absturz manch obskurer Band länger dauert als erwartet, kann man für eine Zombie-Kapelle der übleren Art das Totenglöckchen wieder einpacken: Wir sind Helden sind schon tot, die brauchen kein Geläute mehr.

In nackten Verkaufszahlen ihrer drei CDs (2003, 2005, 2007): 800.000 — 500.000 — 100.000. Zum Vergleich die CDs von Silbermond (2004, 2006): 600.000 — 800.000 oder Juli (2004, 2006): 1.000.000 — 500.000. Die Bands, die als Nachahmer einer angeblich von der Holofernes-Gang angestoßenen Deutsch-Pop-Welle bezeichnet werden, sind ungleich erfolgreicher als die Initiatoren.

Erstaunlich ist nur, daß Wir sind Helden mehr CDs verkaufen konnten, als ihr Familien- und Freundeskreis groß ist. Das dürre, platte Stimmchen von Judith Holofernes, die sich mit monoton gehetzten Sprechgesängen über beinahe jeden Song retten muß, nervte vom ersten Takt ihrer ersten EP an.

Holofernes wäre aber nicht Holofernes, wenn sie diese Peinlichkeit nicht noch steigern würde. Sie müht sich soooo tapfer, den Ton der Straße zu treffen, und landet nur beim jugendtümelnden Verschlucken der Vokale. Tolle Sache. Klingt wie Gute-Laune-Frühstücksradio. Aber das ist ja auch von Gestern.

Sollten Wir sind Helden tatsächlich ihren Plattenvertrag behalten und eine vierte CD produzieren, wird es Zeit, sich Romeros “Night of the Living Dead” wieder anzusehen. Man will ja nichts falsch machen, wenn man den Zombies auf der Straße begegnet.


Placebo des Jahres:
Joanna Newsom

Kein Entrinnen. Seit 2006 wird die 25jährige Kalifornierin hierzulande als messianische Erlösung gefeiert, als komplexes Songwriter-Wunder, das angeblich keine Zeile doppelt singt und auf klassische Refrains verzichtet. Ah! Oh! Wie grandios! Und sonst? 2007 tourte die Harfenistin durch Deutschland. Noch mehr Ah! und Oh! Warum eigentlich?

Newsoms Folk klingt weder neu noch gut geklaut. Ihre eklektische Melange aus Melanie Safka, Kate Bush und dem artifiziellen Gekickse von Björk wird nicht origineller, wenn sie dabei in die Harfe greift und auf ihrer CD “Ys” Großväterchen Van Dyke Parks die Arrangements notieren läßt. Und Steve Albini, der zweite große Pate von “Ys”, produzierte in seinem Leben auch schon einen respektablen Haufen Schrott. Aber vielleicht genügt inzwischen die Nennung der “Ich trage einen großen Namen”-Veteranen in den Linernotes, um vor Ehrfurcht erstarren zu müssen, wer weiß.

Newsom zirpt und zilpt sich angestrengt durch ihre akademische Kunstwelt, eisern bemüht, jede Silbe nicht etwa zu singen, sondern zu intonieren. Sie flüstert und haucht, zwitschert und schreit, näselt und preßt, gackert und summt. Sie wechselt rasant Tempi und Tonlage. Das kann nicht jeder, keine Frage. Das Resultat wirkt aber so lebensprall wie eine Puppenstube mit Porzellanfiguren, über denen geschrieben steht: “Bitte nicht berühren.”

Man könnte Newsoms quälenden Manierismus achselzuckend abtun, wäre da nicht der immer wiederkehrende Vergleich mit Devendra Banhart. Und dieser Vergleich ist mehr als albern. Auf der einen Seite die Hobby-Elfe, auf der anderen der großartige Inspirator der neuen Folkmusik. Was Devendra Banhart auf einer einzigen CD aus seinem Bart schüttelt, wird Newsom weder in dieser Welt noch nach ihrer Reinkarnation als Waldelbe von Lórien zustande bringen.

Besonders drastisch ist der Unterschied live zu erfahren: Devendra Banhart lebt. Joanna Newsom könnte auch in Las Vegas spielen, fünfmal pro Woche im “Caesars Palace”.

Nun ist es durchaus möglich, daß ältere männliche Redakteure angesichts des Newsom’schen Elfengewispers und ihrer jungmädchenhaften Physiognomie in Wallung geraten, erstaunt eine Reaktivierung ihrer erschlafft geglaubten Schwellkörper registrieren und entzückt eine Lobpreisung Newsoms in die Tastatur hauen.
Das kennt man vom Placebo-Effekt: Schnieke Verpackung + dürrer Inhalt = tolle Wirkung.

Für Testosteronschübe gibt es aber die Centerfolds im “Playboy”. Die haben zwei Vorteile: Sie sehen besser aus — und sie sind stumm.

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Sie heißt Galadriel und herrscht über die Waldelben von Lórien.

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Sie heißt Joanna Newsom und hat nur spitze Ohren.

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